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Museum Carlswerk und das Hüttenwesen im Selketal

Mit dem Beginn der Entwicklung von Eisenhütten, zum Ende des 18. Jahrhunderts, die vorher schon in England begonnen hatte, hielt auch in Deutschland die Industrialisierung endgültig Einzug. Einher gingen neue soziale und kulturelle Entwicklungen.
Eine Region, in dem diese Entwicklung in allen Fassetten von statten ging und in der diese Entwicklung noch heute eindrucksvoll nachzuvollziehen ist, stellt das obere und mittlere Selketal dar.

Dieses Gebiet gehörte über Jahrhunderte dem askanisch-anhaltischen Fürstenhaus. Der Unterharz war reich an Erzen und er war reich an Holz und an Wasserkraft. Ideale Voraussetzungen um im Selketal eine Eisenhütte zu gründen, um der noch stark von den Folgen des dreißigjährigen Krieges geprägten Region einen Anschub zu liefern, dachte sich Fürst Friedrich und schritt zur Tat. Gewinnen konnte er für sein Vorhaben den reichen Quedlinburger Kaufmann Johann Heydtfeld.

Es war im Jahr 1646, als im Selketal unter dem Mägdesprung, die erste Eisenhütte gegründet wurde. Aber Heydtfelds Hüttenprojekt hatte keinen wirtschaftlichen Erfolg und auch die folgenden Besitzer scheiterten. So kam, nachdem auch das Fürstenhaus Anhalt-Bernburg-Harzgerode ausgestorben war, die Hütte 1710 an Fürst Victor Amadeus von Anhalt-Bernburg. Aber die Eisenverhüttung wurde nicht wieder aufgenommen. Stattdessen wurden die vorhandenen Anlagen zur Silberverhüttung genutzt. Die Wassermühlen wurden zu anderen Mühlen umfunktionalisiert.

1729 wurde die Silberverhüttung in das um 1692 gegründete Silberhütte verlagert. Erst für 1757 ist in Mägdesprung wieder die Eisenverhüttung belegt. 12 Jahre später entstand, im oberhalb gelegenen Ortsteil Drahtzug, das „Neue Werk“, ein Stahlverarbeitungsbetrieb, in dem sowohl Halbzeuge wie auch Fertigprodukte hergestellt wurden. In den Folgejahren erfolgte der Bau von 4 Hammerwerken sowie eines Verwaltungsgebäudes, Mägdesprung erlebte seine erste Blütezeit. 1809 wurde ein Hochofen errichtet. Der war Voraussetzung zur für die Herstellung des berühmten Mägdesprunger Obelisk, eine handwerkliche und ingenieurtechnische Meisterleistung seiner Zeit, den Herzog Alexius von Anhalt-Bernburg zu Ehren seines Vaters errichten ließ. Der Guss, der vier 12,5m langen und 25 mm dicken Obeliskplatten und seine 16,1m hohe Konstruktion machten die Mägdesprunger Hütte in ganz Europa bekannt. Leider wurde der Obelisk 1978 abgerissen und verschrottet, er soll aber bis 2012 neu errichtet werden.

1827 wurde ein Fabrikgebäude errichtet, um Kunstguss herstellen zu können. Der Maschinenbau war aber Schwerpunkt der Unternehmungen und folglich wurde im selben Jahr auch die Maschinenfabrik „Carlswerk“ errichtet. Es folgten zahlreiche Besitzerwechsel sowie 1875 die Einstellung der eigenen Eisenverhüttung. 1880 kaufte dann der Harzgeröder Kaufmann Traugott Wenzel das Werk. Durch den Bau der Selketalbahn erlebte die Eisenhütte Ende des 19. Jahrhunderts seine Hochzeit. Aber bereits ab etwa 1915 ging es wirtschaftlich bergab. Das Werk wurde 1917 von Dr. Max Horn aus Harzgerode gekauft und blieb über alle Wirrungen der NS-Zeit und des II. Weltkrieges bis in die DDR-Zeit im Besitz der Familie Horn. Die Welle der Zwangsenteignungen erreichte auch die Eisenhütte Mägdesprung 1972 endgültig, womit der Verfall der alten Bausubstanz sowie vieler historisch wertvollen Exponate besiegelt wurde.

Nach der Wiedervereinigung wurden die verbliebenen Reste des Werkes an die Familie Horn rückübertragen. Aber der kleine Betrieb schaffte seine wirtschaftliche Aufstellung nicht und wurde abgewickelt. Die Stadt Harzgerode pachtete das Gelände des ehemaligen, denkmalgeschützten „Carlswerkes“ sowie der Neuen Maschinenfabrik mit allen Maschinen und Ausrüstungen. 2002 wurde das Industriemuseum „Carlswerk“ eingerichtet und ein Eisenhüttenverein Mägdesprung gründete sich. Mit viel Engagement wird seitdem versucht, dieses industrielle Kulturerbe zu retten und zu erhalten und es der interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren. Und was die Vereinsmitglieder sowie zahlreiche andere Helfer bisher geschaffen haben ist aller Ehre wert und kann sich vor allen Dingen auch sehen lassen.

Die restaurierten alten Maschinen, Ausrüstungen und Werkzeuge lassen die Herzen vieler Technikfreunde höher schlagen. Und für die jungen, computergeprägten Generationen ist das „Carlswerk“ der ideale Ort, um sich einen Einblick über Metallverarbeitung zu verschaffen. Wer das „Carlswerk“ besichtigt hat, wird dem Irrglauben, das Schrauben und Muttern auf Bäumen wachsen, sicher nicht mehr erliegen. Und ganz besonders zu empfehlen ist der jährlich im Sommer stattfindende Hüttentag, an dem von ausgewiesenen Fachleuten alte und uralte Fertigungstechniken und -technologien hautnah vorgeführt werden.

Weitere Informationen unter: http://www.harzgerode.de/carlswerk

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Copyright der Fotos und der Texte Bernd Sternal 2009

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